Zur Phänomenologie des Unsichtbaren: Husserl und Heidegger


Shinji Hamauzu

(Shizuoka Universität, JAPAN)


Heidegger, welcher nach der Veröffentlichung von "Sein und Zeit" (1927) immer weniger das Wort "Phänomenologie" benutzte, sagte in seiner Erinnerungsschrift "Mein Weg in die Phänomenologie"(1963), daß die Phänomenologie als "Möglichkeit des Denkens" beibehalten wird, auch wenn sie "als Titel" verschwindet(SD, 90)1). Zehn Jahre später im "Zöringer Seminar"(1973) nannte er diese "Phänomenologie als Möglichkeit" auch "Phänomenologie des Unscheinbaren"(VS.137)2). Es handelt sich natürlich um eine spät-heideggersch verstandene Phänomenologie, d.h. das "Denken des Seins", was "dem Erscheinenden erscheinen ermöglicht, aber selbst nicht erscheint". In meinem Referat möchte ich Heideggers Idee von der "Phänomenologie des Unscheinbaren" aufgreifen, ihm aber nicht folgen, sondern seine Idee mit dem "Unsichtbaren" in Merleau-Pontys Nachlaß "Das Sichtbare und das Unsichtbare"3) in Verbindung bringen. Überdies möchte ich die Idee nicht als Abschied von Husserls Phänomenologie, sondern als deren authentische Nachfolge charakterisieren, folglich ihn als Gründer dieser "Phänomenologie des Unsichtbaren" erneut zu charakterisieren versuchen. Man könnte die Phänomenologie des Unsichtbaren als ein Widerspruch ansehen, weil man davon ausgeht, daß die Phänomenologie eine Wissenschaft des Erscheinenden ist. In Wirklichkeit verhält es sich nicht so, sondern gerade da liegt m. E. eine neue Möglichkeit der Phänomenologie. Das zu zeigen, ist die Absicht dieses Referats.

1. Eine von Heidegger übersehene Seite von Husserls Phänomenologie

Die wichtigen Punkte, in denen Heidegger in dem obengenannten "Mein Weg" und "Seminar" Husserls Phänomenologie behandelte, sind mit einer Schätzung der kategorialen Anschauung und einer Kritik gegen die Intentionalität vertreten. Auf die beiden Punkte wies Heidegger jedoch schon in seiner Marburger Vorlesung "Prolegomena zur Geschichte des Zeitbegriffs"(1925)4) hin. Er schätzte zwar auch darin den Gedanken der kategorialen Anschauung in Husserls "Logischen Untersuchungen" als das, was den Weg in die Seinsfrage ermöglichte(GA.XX,97f.), aber kritisierte vor allem den Gedanken der phänomenologischen Reduktion in "Ideen I" als Wiederkehr zur neuzeitlichen Tradition von "Rückgang zum Bewußtsein"(147). In diesem Sinne können wir sagen, daß Heideggers Haltung gegen Husserls Phänomenologie in dieser "Prolegomena" schon nahezu bestimmt war, und sich bis zum "Seminar" grundsätzlich nicht mehr änderte. In der "Prolegomena" verfolgte Heidegger sorgfältig Husserls Phänomenologie, faßte die wichtigen Punkte geschickt zusammen, doch kritisierte und ließ dadurch das später in "Sein und Zeit" entwickelte Denken reifen. Diese Vorlesung können wir folglich als diejenige charakterisieren, in welcher er den Abshied von Husserls Phänomenologie manifesierte.

Werfen wir nun unseren Blick auf Husserl in demselben Zeitraum, welcher 1916 von Göttingen nach Freiburg berufen wurde. In der Göttinger Periode veröffentlichte er "Ideen I" und 1927 nach seiner Emeritierung "Zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins", die nur dem Namen nach Heideggers herausgabe war, und im nächsten Jahr "Formale und transzendentale Logik". Während der 12 Jahre, in denen er auf dem Katheder der Freiburger Universität stand, brachte er aber keine Bücher zur Veröffentlichung. Diese Jahre der schweigenden Zeit waren jedoch keine unfruchtbare Zeit. Die Vorlesungen des WS 1920/21, SS 1923 und WS 1925/26 werden später in "Analysen der passiven Synthesis" zusammengestellt. Diejenige des WS 1923/24 wird später als "Erste Philosophie" und diejenige des SS 1925 als "Phänomenologische Psychologie" veröffentlicht. Diese Vorlesungen sind alle insofern sehr wichtig, als er darin immer wieder eine neue Etappe seines Schritt für Schritt steigenden Denkens zeigte. Hier möchte ich mich auf den Kontrast der zwei Vorlesungen konzentrieren, zum einen Husserls Vorlesung "Phänomenologische Psychologie" von 1925 in Freiburg und zum anderen Heideggers Vorlesung "Prolegomena" des selben Jahres in Marburg5).

Obwohl Heidegger damals eine Gelegenheit hatte, auf Husserls Manuskripte für "Ideen II" und "Psychologie" im gerade geborenen Denken einen Blick zu werfen, sagte er in "Prolegomena" , daß sie "grundsätzlich in der alten Fragestellung stecken" blieben(167-171). Obgleich in diesen Manuskripten eine neue Etappe der husserlschen Phänomenologie schon in Gang kam und Heidegger schrieb: "Es bedarf wohl kaum des Geständnisses, daß ich mich auch heute noch Husserl gegenüber als Lernender nehme"(168), schien er diese Manuskripte nicht ernst zu überprüfen, mit seinem anderen Geständnis: "Über den inhaltlichen Charakter des jetzigen Standes seiner[Husserls, Anm. d. Verf.] Untersuchungen bin ich nicht hinreichend orientiert."(167) Was kam also denn in Husserls Denken in Gang, während Heidegger seine Vorlesung hielt? Und was übersah Heidegger?

Wie oben gesagt, waren die grundsätzlichen Punkte zu einem die Schätzung der kategorialen Anschauung und zum anderen die Kritik über die Intentionalität. Was den ersten Punkt betrifft, schafften die Theorie der "freien Variationen" und die Idee der genetischen Phänomenologie zwar nicht die Theorie der kategoriaen Anschauung ab, aber veränderten ihre Position von Grund auf. Was den zweiten Punkt betrifft, ersetzte die Theorie der "Horizontintentionalität" völlig die Theorie der Intentionalität, bei der bisher "Noesis-Noema" lediglich als "Bewußtseins-Gegenstand" verstanden wurde. Die beiden waren wichtige Punkte, welche man in "Psychologie" nicht übersehen darf. Heidegger in "Prolegomena" warf dennoch keinen Blick auf eine solche neue Bewegung der husserlschen Phänomenologie und berührte sie auch in "Mein Weg" und "Seminar" der späten Periode überhaupt nicht6). Diese waren jedoch m. E. gerade Husserls "Phänomenologie des Unsichtbaren" und darauf möchte ich hier einen weiteren Blick werfen.

2. Das "Sichtbare" und das "Unsichtbare" bei Husserl

2-1. Phänomenologie des Wesens

In "Ideen I" bezeichnete es Husserl als "Prinzip aller Prinzipien", daß "das unmittelbare Sehen" "eine Rechtsquelle der Erkenntnis" sei(III/1,51)7). Husserls "unmittelbares Sehen" darf niemals empiristisch-sensualistisch beschränkt verstanden werden, weil die Anschauung bei ihm im weitesten Sinne verwendet wird, um die kategoriale Anschauung oder die Wesensanschauung zu umfassen. Nach Husserl in "Ideen I" sehen wir immer das Wesen, und davor darf man aufgrund eines empiristischen Vorurteils nicht die Augen verschließen. Nach der empiristischen Meinung ist das Wesen nicht unmittelbar zu sehen, sondern erst mit einer intellektuellen Abstraktion aus dem Gesehenen oder dem Angeschauten als das allgemeine zu erhalten. Im Gegensatz dazu sehen wir nach Husserl immer das Wesen schlechthin. So sagt auch Husserl in "Psychologie": "unvermeidlich ist die Erweiterung der Rede vom Sehen"(IX,85).

Aber schon in den "Logischen Untersuchungen II/1" schrieb Husserl, daß die phänomenologische Analyse anfängt, wo wir uns damit nicht zufrieden geben können, daß das Wesen so und so gesehen oder gegeben sei(XIX/1,9). Dieser Gedanke führte Husserl in "Psychologie" zur "Erforschung der Korrelation"(IX,24). Da versucht er den Prozeß der Wesensanschauung mit der Theorie der "freien Variationen" zu analysieren(IX, 72ff.). Es ist das Wesen, das in den freien Variationen von Tatsachen als Invariante auftaucht. Während das Ideal in den "Logischen Untersuchungen I" als "überzeitlich" charakterisiert wurde, wird das hier als das Selbe in der Wiederholung und folglich als "allzeitlich" charakterisiert. Das bedeutet, daß das Ideal nicht getrennt vom Realen und über diesem liegt, sondern daß es durch dieses erscheint. Gerade aus diesem Grund stellt sich die Frage, wie das Apriori entsteht, auch wenn das Wesen a priori ist. Ich komme später zum Thema der Genesis.

2-2. Phänomenologie der Lebenswelt

Während der Empirist gegenüber dem Idealen blind ist und das Ideale ihm verborgen ist, kann auch das Gegenteil passieren, daß die Erfahrung durch das Ideale verborgen ist. Das ist die "Idealisierung", auf welche Husserl später in "Krisis" hinwies.

Am Anfang von "Prolegomena" zählt Heidegger Krisen der Wissenschaften und, um diese Krise zu überwinden, stellt er die Trennung beider Gebiete von "Natur und Geschichte" in Frage und sieht in der Eröffnung der Wirklichkeit vor dieser Trennung eine Aufgabe der Phänomenologie(1ff.). Am Anfang des systematischen Teils von "Psychologie" geht Husserls Problemstellung den gleichen Weg. Nach ihr stammen Krisen aus der Trennung der beiden Gebiete von "Natur und Geist", da behauptet er den "Rückgang auf die vorwissenschaftliche Erfahrungswelt" vor dieser Trennung(IX,55ff.). Heideggers Wendung "vor ihrer[der Sachen selbst] Verdeckung durch eine bestimmte wissenschaftliche Befragung" in "Prolegomena" entspricht Husserls Wendung in "Psychologie", daß die neuzeitliche Naturwissenschaft nur "Kunstprodukt der Methode im Auge hatte" und theoretische Tätigkeiten unsere Erfahrung "überkleiden"(IX,56)8). Obwohl Heidegger auf Husserls Manuskripte für diese Vorlesung einen Blick warf, erwähnte er gar nicht, daß Husserl darin einen fast ähnlichen Punkt behandelt wie seinen.

In "Mein Weg" erinnert sich Heidegger daran, daß man in Husserls Seminar zuerst lernen mußte, "phänomenologisch zu sehen"(86). Husserl selbst behauptet in "Psychologie" die Notwendigkeit, "erst in der rechten Weise sehen [zu] lernen"(IX,159). Das Sehen ist nach ihm nicht etwas, was jederman mit offenen Augen auf dieselbe Weise vermag, und was von dadrüben her in uns hineinspringt. Eher ist unser Sehen mit vielen Vorurteilen und Vormeinungen verseucht. Um das klarzustellen, was man in Wirklichkeit sieht, müssen wir uns ausbilden, uns von solchen Vorurteilen und Vormeinungen zu entfernen. Das Schlagwort "Zu den Sachen selbst!" bedeutet einen solchen Rückgang zu den Sachen selbst, welche von Verseuchung befreit sind. Die Erfahrungswelt, die Husserl in "Psychologie" nannte, wird öfters durch das "Ideenkleid" der neuzeitlichen Naturwissenschaften verborgen und nicht gesehen, aber in Wirklichkeit wird sie schon immer erfahren. Wie sie erfahren wird, ist die Theorie der Horizontintentionalität.

2-3. Phänomenologie des Horizonts

In "Prolegomena" sagt Heidegger mit husserlschen Vokabeln: "Das Ding schattet sich ab in seinen Aspekten"(58). Er versteht jedoch unter der Intentionalität lediglich die Struktur der "Zusammengehörigkeit von intentio und intentum"(58). Die so verstandene Intentionalität wird bald kritisiert, daß sie letztlich dem "Satz von der Immanenz"(297) nicht zu entkommen vermag: "Seiendes sei immer nur für ein Bewußtsein". Husserl selbst fing dennoch schon seit "Ideen I" an, die Intentionalität als das dieser Struktur Übergehende zu bestimmen. Das ist der Gedanke von der mit "Abschattung", "Perspektiven" und "Aspekten" verbundenen Horizontintentionalität. Wenn wir zurückdenken, berührte er diesen Gedanken in der Vorlesung "Zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins" von 1905 im Zusammenhang mit dem Zeitproblem und in der Vorlesung "Ding und Raum" von 1907 im Zusammenhang mit dem Raumproblem, und entwickelte ihn absichtlich in "Ideen I"9).

In "Ding und Raum" sagte Husserl: "Wenn wir z. B. ein Haus sehen, haben wir in unserem Sehfeld oder Blickfeld einen umfassenderen visuellen Hintergrund, den wir auch als gesehen zu bezeichnen pflegen"(XVI,11). Oder auch: "Zu der Erscheinung gehört es nun, daß das Sichtbare auf das Unsichtbare hinweist"(XVI,245). Auch in "Erste Philosophie" sagte er: "Nie ein Wahrgenommnenes [gibt es] ohne Horizontbewußtsein. Jedes so Wahrgenommene hat sozusagen in sich selbst seinen Hintergrund, jedes ist nur gegeben als sich darstellend durch eine sichtige Vorderseite mit unsichtigem Inneren und unsichtiger Rückseite"(VIII,146). Ähnliches sagt Husserl in "Psychologie": "So gehört zum Wahrgenomnenen ein offener Horizont möglicher und immerzu fortzuführender Erfahrungen". Und weiter: "nicht bloß einzelne Weltrealitäten sind erfahren, sondern von vornherein ist die Welt erfahren", und zwar "beides ist untrennbar"(IX,62). Eine solche Phänomenologie des Horizonts bedeutet nicht, die Betrachtung lediglich auf das Gesehene zu begrenzen, sondern die Erscheinung in einer Struktur der Zusammegehörigkeit von dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, in der das Sichtbare immer einen Hinweis auf das Unsichtbare hat und im Zusammenhang damit erscheint10).

2-4. Phänomenologie des Leibes

Mit diesem Problem zusammenhängend behandelt Heidegger in "Prolegomena" die "Entfernung" und behauptet: Es ist "entscheidend, nicht von einer Räumlichkeit auszugehen, die die spezifisch geometrische ist"(230). Das wird in "Sein und Zeit" als "Räumlichkeit des Daseins" noch ausführlicher entwickelt. Auch dieser Punkt geht den gleichen Weg mit dem, was Husserl seit "Ding und Raum" behauptete. In dieser Vorlesung sagte Husserl: "So stellt sich die Welt dem natürlichen Auffassen zunächst vor der Wissenschaft dar. Und auf diese Welt beziehen sich dann alle Erfahrungswissenschaften"(XVI,6). Und in der Aufgabe von "Phänomenologie der Erfahrung"(XVI,3), welche "von unten anfangen" soll(XVI,7), unterschied er zwischen der Entfernung und dem Abstand und sagte: "Im eigentlichen Sinn ist die Entferung als dieser Abstand [zwischen dem Gegenstand und dem leiblichen Beziehungspunkt] also nie gegeben und nie zu geben, sie ist nichts im eigentlichen Sinne Wahrnehmbares"(XVI,228). In diesem Kontext verwendete er das Wort "Ichleib" und sagte: "Hier kommt es nur darauf an, daß sich die Konstitution physischer Dinglichkeit in merkwürdiger Korrelation mit der Konstitution eines Ichleibes verflicht"(XVI,162). Auch in "Ideen II" sagte Husserl: "Ich sehe mich selbst, meinen Leib, nicht, wie ich mich selbst taste"(IV,148). Er nennt "meinen Leib", den ich nicht vollständig sehen kann, "Mittel aller Wahrnehmung" und sagte: "Zur Möglichkeit der Erfahrung gehört der Leib als freibewegtes Sinnesorgan"(IV,56). Dasselbe erörtert Husserl in "Psychologie" mit den Worten "Urleib"(IX,107) oder "Eigenleib"(IX,157) und behauptet: "Das Studium der Intentionalität ist nicht durchzuführen ohne Studium der entsprechenden Intentionalität des eigenen Leibes in seiner Wahrnehmungsfunktion."(IX,197) Auch der "Urleib" gehört in diesem Sinne zum "Unsichtbaren". Auch ein solches Studium bei Husserl will Heidegger in "Prolegomena" nicht erwähnen.

2-5. Genetische Phänomenologie

Wenn wir die schon im Horizont oder im Leib fungierende Intentionalität in Betracht ziehen, kommen wir an das heran, was Husserl als genetische Phänomenologie bezeichnet. Das wird in der Freiburger Zeit lebhaftig diskutiert, auch in "Psychologie" entwickelt und seither zum Hauptthema der husserlschen Phänomenologie gemacht. Aber auch dafür interessiert sich Heidegger sowohl in "Prolegomena", als auch in "Mein Weg" sogar in "Seminar" überhaupt nicht.

Wenn wir auf die Vorlesung "Zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins" zurückblicken, verwendete Husserl zwar die Metaphar "Zeitstrom", aber glaubte nicht, daß die Zeit einfach verfließt und verschwindet. Das Jetzt verschließt sich nicht als augenblickliches Jetzt, sondern wird als Gegenwart mit Horizonten von "Retention" und "Protention" aufgefaßt(X,28, 43). Die Vergangenheit verschwindet nicht schlechthin, sondern schlägt in die "Tiefe"(X,28) nieder. Auch in "Psychologie" sagt Husserl: "Jede solche momentane Wahrnehmung ist Kernphase einer Kontinuität, einer Kontinuität von sich abstufenden momentanen Retentionen nach der einen Seite und einem Horizont des Kommenden auf der anderen Seite: einem Horizont der Protention"(IX,202). Unsere Erfahrung hat eine solche "Tiefendimensionen"(IX,30). Die Archäologie, als die Wissenschaft von Arch’H im ursprünglichen Sinne(VIII,29), hat die Aufgabe, die zunächst "ungesehene" Dimension ins Licht zu bringen und das Niederschlagene auszugraben. Dies ist auch die Aufgabe der genetischen Phänomenologie.

Aber wichtig ist, daß Husserl genetische Phänomenologie als eine nach der statischen Phänomenologie kommende Aufgabe auffaßt, immer wenn er sie erwähnt. Genetische Phänomenologie wird mit dem Leitfaden von Wesensbeschreibungen der statischen Phänomenologie und von da aus in der Weise des "Zurückfragens" behandelt. Sie soll nicht von dem am Anfang angenommenen Ursprung die Herkunft der gegenwärtigen Struktur erklären, sondern von dem Gesehenen der gegenwärtigen Struktur aus zurückgehend nach dem Ungesehenen vom Ursprung fragen. Der Ausdruck, welchen Husserl in Vorlesung "Ding und Raum" erstmals äußerte, obwohl er noch nicht über genetische Phänomenologie spricht, ist auch hier niemals verloren, nämlich: "Es liegt überhaupt in der Natur der Phänomenologie, daß sie schichtenweise von der Oberfläche in die Tiefen dringt."(XVI,12)

2-6. Phänomenologie des Anderen

Husserl erörtert fast überall die Fremderfahrung. Auch die Vorlesung "Psychologie" ist keine Ausnahme. Auch das Problem der Fremderfahrung gehört m. E. zur Phänomenologie des Unsichtbaren.

Schon in den "Logischen Untersuchungen II/1" sagte er im Zusammenhang mit der "kommunkativen Rede": "Die gemeinübliche Rede teilt uns eine Wahrnehmung auch von psychischen Erlebnissen fremder Personen zu, wir 'sehen' ihren Zorn, Schmerz, usw. Diese Rede ist vollkommen korrekt."(XIX/1,40f.) Obwohl er in der Erörterung über die Fremderfahrung oft sagt: "Wir 'sehen', daß der Andere zornig, kummervoll ist etc."(XIII,64f.), meint er kein schlichtes unmittelbares "Sehen", sondern darin steckt eine Mittelbarkeit. Nach "Psychologie" kann ich "die fremde Leibkörperlichkeit, die ich sinnlich erfahre, interpretieren"(IX,108). In der Vorlesung des vorigen Jahres "Erste Philosophie" nannte er es "ursprünglich interpretierende Ansehen", und sogar "eine eigene Grundform der Erfahrung"(VIII,63). Er versucht mit verschiedenen Terminologien diese eine Mittelbarkeit in sich enthaltende Unmittelbarkeit auszudrücken. Gerade um diese Verhältnisse auszudrücken, sagt er später in den "Cartesianischen Meditationen": Die "Fremdheit" der Fremderfahrung gründet in der "Zugänglichkeit des original Unzugänglichkeit"(I,144).

Fast ähnliche Gedanken können wir in Merleau-Pontys "Das Sichtbare und das Unsichtbare" finden. Er schreibt z. B. auf Husserls "Ideen II" hinweisend: "Die unsichtbare Welt: Die ist originär als un-Urpräsentierbare gegeben, wie der Andere in seinem Leib originär als abwesend gegeben."(234) Die Wendung von "originärer Presentation der Unpresentierbaren"(257) kommt in dieser Schrift immer wieder vor. Hier ist die Rede von dem Anderen oder der Fremderfahrung als das, was das Sichtbare gründet, aber selber nicht sichtbar ist, und zwar nicht nur das, was unsichtbar ist, sondern auch das Unsichtbare, was durch das Sichtbare gegeben, also irgendwie gesehen ist11).

2-7. Transzendentale Phänomenologie

Woran Husserl vor allem denkt, wenn er sagt: "Man muß zuerst lernen zu sehen", ist das Transzendentale. Auch in "Psychologie" sagt er: "Unsere ganze Subjektivität beibt sozusagen anonym für sich selbst."(IX,147) Was hier mit der Subjektivität gemeint ist, beinhaltet jedoch nichts anderes als die verschiedenen Themen, mit denen wir uns bisher beschäftigt haben. Die Subjektivität steht in der Korrelation mit "Wesen" und "Lebenswelt", und in den verschiedenen Phasen der Korrelation tauchen die Probleme wie "Horizont", "Leib", "Genesis" und "Anderer" auf. Das Transzendentale ist nach ihm erst in dieser Korrelation und deren Phasen aufzuklären.

In bezug auf die "anonymenFunktionen" der Subjektivität betrachtet Husserl in "Formale und transzendentale Logik" die Enthüllung der "verborgenen Leistungen"(XVII,179) oder der "konstituierenden Aktivität, die 'anonym' bleibt,"(XVII, 185) als die Aufgabe der transzendentalen Phänomenologie. Da sagt er: "Wenn die Intentionalität vollzogen ist und als das leistende Leben fließt, bleibt sie sozusagen 'unbewußt'. Sie macht zwar etwas thematisch, aber wird gerade deswegen selber nicht thematisch. Sie bleibt insofern verborgen, als sie nicht mit einer (transzendentalen) Reflexion enthüllt wird."(XVII,188) Das Transzendentale, welches in der natürlichen Einstellung anonym vollzogen ist, folglich zum Unsichtbaren wird, zu enthüllen, das ist für Husserl die wichtigste Phänomenologie des Unsichtbaren. Was er als transzendentale Phänomenologie bezeichnet, ist nichts anderes als Phänomenologie des Unsichtbaren.

3. "Phänomenologie des Unscheinbaren" und "Phänomenologie des Unsichtbaren"

Durch den Kontrast zwischen beiden Vorlesungen von Husserl und Heidegger in 1925 haben wir nun festgestellt, daß Heidegger sich mit den neuen Gedanken, welche bei Husserl gerade geboren wurden, nicht mehr beschäftigen wollte, sondern mit den bisherigen Gedanken, welche für Husserl schon zur Vergangenheit gehörten, seine Phänomenologie zusammenfaßt, kritisiert, sich davon verabschiedet und den Schritt zu "Sein und Zeit" getan hat. In "Prolegomena" bestimmt Heidegger die Phänomenologie als "das an ihm selbst Offenbare von ihm selbst her sehen lassen"(117), und als "die Arbeit des freilegenden Sehenlassens im Sinne des methodisch geleiteten Abbauens der Verdeckungen"(118). Da sollte alles offenbar werden, nur wenn Verdeckungen abgebaut werden. Sobald Heidegger jedoch etwas merkte, was mit der von ihm selbst so bestimmten Methode der Phänomenologie nicht erreichbar ist, fing er an, sich von der Phänomenologie zu trennen. Es ist mit der sogenannten "Kehre", daß er diesen Schritt entschieden durchführte.

Hier will ich auf das Problem der "Kehre" bei Heidegger, über die bisher viel diskutiert wurde, nicht eingehen. Es ist kein großer Fehler, wenn wir es als die Wende der Betrachungsweise von "von Dasein zu Sein" zu "von Sein zu Dasein" bezeichnen. Mit den Worten in "Seminar" bedeutet es: "Das Denken verzichtet in diesem neuen Platz schon von Anfang an auf den Primat des Bewußtseins und des Menschen, als dessen Folge"(125). Das ist auch mit dem Wort "Gelassenheit"(70f.) ausgedrückt. Diese Wendungen geben m. E. den Eindruck, daß er plötzlich ohne Vermittlung sozusagen an das andere Ufer springt und von da her zu uns redet. Letztlich scheint es zu sein, daß wir nicht mehr verstehen können, was er mit dem Wort "Sein" meint. Falls er nach dieser Kehre noch eine Möglichkeit in der Phänomenologie zu finden vermag, soll sie Phänomenologie des "Unscheinbaren" sein, "welches dem Erscheinenden erscheinen ermöglicht, aber selber nicht erscheint"(115). Dieses "Unscheinbare" ist, wie am Anfange gesagt, das "Sein", wovon der späte Heidegger immer spricht. Wenn hier aber die Auffassung der Phänomenologie in "Prolegomena" nicht mehr gilt, dann scheint es uns, daß es auch Heidegger nicht immer klar war, was man hier unter der Phänomenologie verstehen soll.

Im Vergleich dazu, wie wir bisher geprüft haben, versucht Husserls Phänomenologie des Unsichtbaren Schritt für Schritt durch das "Sichtbare" hindurch zu gehen und das "Unsichtbare" allmählich zu klären. Er versucht also, durch Leiblichkeit, Räumlichkeit, Zeitlichkeit und Fremdheit hindurch das das "Sichtbare" gründende "Unsichtbare" aufzuklären. Das "Unsichtbare" war für ihn etwas, was anhand des "Sichtbaren", durch das "Sichtbare" und im Zusammenhang mit dem "Sichtbaren" nach und nach ins Klare zu bringen ist12). Merleau-Ponty spricht in "Das Sichtbare und das Unsichtbare" vom "Sein" gerade in einem solchen Sinne. Er schreibt: "Weder ein tatsächliches Unsichtbares, wie ein verborgener Gegenstand hinter einem anderen Gegenstand, noch ein absolutes Unsichtbares, das keinen Kontakt mit dem Sichtbaren hat, sondern das Unsichtbare von dieser Welt, das ihr innewohnt, sie unterstützt und sie sichtbar macht, d.i. deren innere und eigene Möglichkeit, das Sein von diesen Seienden"(198).

Hier erinnern wir uns daran, daß Klaus Held früher in einem Vortrag äußerte, daß Heidegger die Dimension der Offenheit als "Sein" bezeichnete, obwohl er eigentlich sie als "Welt" bezeichnen sollte, und auch daß in Heideggers "Gelassenheit" der Moment der Verantwortung geringgeschätzt wird13). Nun möchte ich hier lieber den folgenden Verdacht äußern: Als Heidegger sich für Husserls "Phänomenologie des Unsichtbaren" nicht interessierte und sich von Husserls Phänomenologie mit dem veralteten Verständnis seiner Phänomenologie verabschiedete, obwohl er die Möglichkeit der Phänomenologie öfters als "Methode" hochschätzte, hat er auch die meta-hodos als "Weg dazu", "Zugang" oder "Leitfaden" aus den Augen verloren.